Entzündliche Darmerkrankungen (IBD)

Entzündliche Darmerkrankungen

Entzündliche Darmerkrankungen (inflammatory bowel disease, IBD) treten in zwei Formen auf: Morbus Crohn und Colitis ulcerosa.

Epidemiologische Daten – Wie häufig ist IBD?

In den letzten Jahren zeigt die Häufigkeit von IBD eine zunehmende Tendenz. Die Prävalenz beträgt ca. 30–200/100.000 Einwohner.

(Prävalenz: epidemiologischer Begriff für die Häufigkeit eines bestimmten Merkmals — in diesem Fall einer Erkrankung — in einer bestimmten Population zu einem bestimmten Zeitpunkt)

In den USA waren im Jahr 2015 1,3 % der erwachsenen Bevölkerung betroffen, was ca. 3 Millionen diagnostizierten IBD-Patienten entspricht. Häufig sind junge Menschen, auch Kinder, betroffen; die Diagnose wird meist vor dem 30. Lebensjahr gestellt.

Grundsätzlich ist IBD in den nördlichen Staaten und bei weißen Menschen häufiger; im Süden kommt sie etwas seltener vor. Einige Studien zeigen, dass dies mit Sonneneinstrahlung und der Menge des gebildeten Vitamin D zusammenhängen kann. Daher können reduzierte Sonneneinstrahlung und ein niedriger Vitamin-D-Spiegel ebenfalls Risikofaktoren für IBD sein.

Ursachen und Risikofaktoren entzündlicher Darmerkrankungen – Welche Faktoren beeinflussen die Entstehung von IBD?

Die genaue Ursache von IBD ist nicht vollständig geklärt, und zu diesem Thema laufen weiterhin zahlreiche Forschungen. Nach bestem derzeitigem Wissensstand sind für die Entstehung der Erkrankung sowohl genetische Veranlagung, krankhafte immunologische Reaktionen als auch Umweltfaktoren erforderlich.

Auch bestimmte Mikroorganismen und Infektionen können bei der Entstehung eine Rolle spielen, indem sie die „Lawine der chronischen Darmentzündung“ auslösen.

Genetischer Faktor:

Bei Verwandten ersten Grades ist das Risiko, die Krankheit zu entwickeln, ca. 3–20-mal höher.

Umweltfaktoren und Risikofaktoren können sein:

  • Rauchen, besonders bei Morbus Crohn,
  • bewegungsarmer Lebensstil,
  • ungesunde Ernährung, ballaststoffarm und fettreich,
  • Vitamin-D-Mangel,
  • wenig Schlaf,
  • Einnahme oraler Verhütungsmittel,
  • Magen-Darm-Infektionen.

Symptome entzündlicher Darmerkrankungen – Bei welchen typischen Beschwerden und Symptomen sollte man an IBD denken?

IBD kann das Leben der Patienten mit sehr unterschiedlichen Symptomen erschweren. Die Symptome treten in individuellen Kombinationen auf und sind durch einen intermittierenden Verlauf gekennzeichnet: Nach vorübergehender Besserung kehren die Beschwerden immer wieder in Form von Schüben oder Exazerbationen zurück. Mit wiederholten Schüben steigt auch die Wahrscheinlichkeit für Komplikationen.

Gastrointestinale Symptome:

  • Bauchschmerzen, Bauchkrämpfe,
  • Durchfall,
  • blutiger Stuhl, schleimiger Stuhl,
  • Übelkeit, Brechreiz, gelegentlich Erbrechen,
  • Mangelernährung, Appetitlosigkeit,
  • Malabsorption und daraus entstehende Mangelzustände, z. B. Eiweißmangel, Eisenmangel, Vitaminmangel usw.

Typische gastrointestinale Symptome von IBD

Allgemeine Symptome:

  • ständige Müdigkeit, Schwäche,
  • Gewichtsverlust,
  • erhöhte Temperatur, Fieber.

Symptome, die andere Organe betreffen:

  • Gelenkschmerzen, Gelenkentzündung, treten bei ca. 15–50 % der IBD-Patienten auf.
  • Augensymptome: Entzündung verschiedener Teile des Auges, tritt bei ca. 2–5 % der IBD-Patienten auf.
  • Hautveränderungen: Erythema nodosum, rote schmerzhafte Knoten, die am häufigsten an der Vorderseite der unteren Extremitäten, meist über dem Schienbein, auftreten, bei ca. 10–15 % der IBD-Patienten; Pyoderma gangraenosum, schmerzhafte entzündliche Geschwürbildung, die am häufigsten an den unteren Extremitäten entsteht, bei ca. 1–5 % der IBD-Patienten.

Potenzielle Hauterscheinungen bei IBD

  • Leber- und Gallenschädigung: Diese wird oft nicht nur durch die Erkrankung selbst verursacht, sondern auch durch Nebenwirkungen der in der Therapie verwendeten Medikamente.
  • Erhöhte Neigung zur Bildung von Blutgerinnseln, Thrombose und Embolie.

Diagnose entzündlicher Darmerkrankungen – Wie kann IBD diagnostiziert werden und welche Untersuchungen erwarten den Patienten?

Aufgrund der Beschwerden ist eine gründliche Untersuchung erforderlich. Im Rahmen der Differenzialdiagnostik können zahlreiche Untersuchungen durchgeführt werden, doch für die definitive Diagnose von IBD sind eine endoskopische Dickdarmuntersuchung, Koloskopie, Probenentnahme und histologische Untersuchung unvermeidlich.

Körperliche Untersuchung:

  • Druckempfindlichkeit des Bauches,
  • eventuell kann ein strangförmiger Darmabschnitt tastbar sein,
  • DRU, digitale rektale Untersuchung: Der Patient kann Schmerzen angeben, Blut/Schleim kann am Handschuhfinger des Untersuchers sichtbar sein.

Laboruntersuchung:

  • Blutentnahme: Bei ausgeprägter Entzündung können Entzündungsparameter erhöht sein, z. B. CRP, weiße Blutkörperchen und Blutsenkung; bei Malabsorption können Mangelzustände auftreten, z. B. Eisenmangel, Elektrolytstörungen, niedriger Vitamin-D- und Vitamin-B12-Spiegel, niedriger Eiweißspiegel usw., sowie Anämie. Nachweis spezieller Antikörper, z. B. ASCA, pANCA.
  • Stuhlkultur: Vor allem aus differenzialdiagnostischer Sicht wichtig, um festzustellen, ob die Beschwerden durch eine Infektion verursacht werden.
  • Stuhl-Calprotectin-Test: hilfreich bei der Diagnose von IBD und kann auch zur Überwachung der Krankheitsaktivität nützlich sein.

Bildgebende Untersuchungen:

  • Bauchultraschall: Eine entzündete, ödematöse Darmwand kann im betroffenen Bereich sichtbar sein. Auch differenzialdiagnostisch wichtig.
  • Röntgenuntersuchung: Sie kann mit Kontrastmittel erfolgen, das über den Enddarm als Irrigoskopie eingebracht wird, mit Lufteinblasung oder als Nativröntgen. Heutzutage wird sie seltener verwendet, wenn die endoskopische Untersuchung nicht durchführbar ist, z. B. bei einer hochgradigen Verengung.
    Natives Bauch-Röntgen kann zum Nachweis von Komplikationen wie toxischem Megakolon oder Perforation verwendet werden.
  • Auch eine Bauch-CT- oder MRT-Untersuchung kann in Betracht kommen, besonders zum Nachweis von Komplikationen.
  • Eine Isotopenuntersuchung mit markierten weißen Blutkörperchen kann das Ausmaß der Entzündung zeigen.

Endoskopie und histologische Probenentnahme, Biopsie:

  • Koloskopie mit histologischer Probenentnahme ist grundlegend für die Diagnosestellung.
  • Sie ist auch aus differenzialdiagnostischer Sicht wichtig, besonders im Hinblick auf bösartige Tumoren.
  • Zur Feststellung einer Dünndarmbeteiligung kann auch eine Kapselendoskopie in Betracht kommen. Dabei schluckt der Patient eine kleine Kamera, die viele Bilder aufzeichnet, welche später ausgewertet werden können. Ein großer Nachteil dieser Untersuchungsmethode ist, dass keine Probenentnahme und keine histologische Untersuchung möglich sind.

Auf Grundlage individueller Beurteilung und fachärztlicher Beratung muss abgewogen werden, welche Untersuchungen der betroffene Patient benötigt.

Ähnliche Symptome können auch durch andere Erkrankungen verursacht werden, daher müssen diese im Rahmen der Differenzialdiagnostik ausgeschlossen werden.

Abzugrenzende Krankheitsbilder:

  • Infektionen, Viren, Bakterien, Parasiten,
  • andere entzündliche Darmerkrankungen, z. B. Divertikulitis, Blinddarmentzündung,
  • Darmnekrose oder Darmentzündung durch Durchblutungsstörung,
  • gutartige Tumoren, Polypen,
  • bösartige Darmtumoren, Darmkrebs,
  • medikamentös verursachte Schädigung, z. B. Chemotherapeutika, nichtsteroidale Antirheumatika.

Komplikationen entzündlicher Darmerkrankungen – Welche Komplikationen kann die Erkrankung verursachen?

Bei IBD-Patienten entwickeln sich häufig Komplikationen unterschiedlichen Schweregrades. Mit moderner und geeigneter Behandlung sowie mit der Mitarbeit des Patienten kann die Wahrscheinlichkeit von Komplikationen verringert werden, doch leider können auch so Schübe entstehen, die bei Wiederholung auch Komplikationen nach sich ziehen können.

Mögliche Komplikationen:

  • Fisteln, tiefe Fissuren, Abszesse, Granulome — eher bei Morbus Crohn,
  • Narbenbildung und Verengungen infolge chronischer Entzündung,
  • Darmverschluss, Ileus,
  • Blutung und daraus resultierende Anämie,
  • toxische Erweiterung, toxisches Megakolon — typisch bei Colitis ulcerosa,
  • Durchbruch des Darms, Perforation,
  • Entstehung eines bösartigen Darmtumors, IBD bedeutet ein erhöhtes Risiko,
  • Malabsorption und daraus entstehende Mangelzustände,
  • psychische Komplikationen und Verschlechterung der Lebensqualität.

Behandlung entzündlicher Darmerkrankungen – Welche therapeutischen Möglichkeiten gibt es zur Behandlung von IBD?

Ziel der Behandlung ist es, die verstärkte Entzündungsreaktion zu beseitigen, die Symptome des Patienten zu minimieren oder zu beseitigen und das ruhende, symptomfreie Stadium, die Remission, möglichst langfristig aufrechtzuerhalten. Die Behandlung wird immer individuell ausgewählt und optimiert, auf Grundlage regelmäßiger fachärztlicher Untersuchungen und Beratungen.

Bei der Wahl der geeigneten Therapie werden die Lokalisation der Erkrankung, die Schwere und Ausdehnung der Entzündung, der Allgemeinzustand des Patienten, sein Alter und Begleiterkrankungen berücksichtigt.

Entzündungshemmer

  • Präparate mit 5-Aminosalicylsäure: Sie können lokal — bei Dickdarmbeteiligung — in Form von Zäpfchen oder Einläufen verwendet werden; oder systemisch oral, z. B. Sulfasalazin.
  • Kortikosteroide: starke entzündungshemmende Wirkung, aber viele Nebenwirkungen. Sie können lokal in Form von Zäpfchen oder Einläufen verwendet werden, wobei dann weniger Nebenwirkungen auftreten; außerdem systemisch oral als Tabletten oder intravenös als Injektion.

Immunsuppressive Medikamente

  • Sie sollen die Funktion des Immunsystems „unterdrücken“ und dadurch die Entzündungsreaktion verringern.
  • Diese Wirkstoffe werden auch in der Chemotherapie von Krebserkrankungen verwendet, nur in höheren Dosen.
  • Sie fördern das Erreichen und Aufrechterhalten der symptomfreien Ruhephase, Remission, haben jedoch viele Nebenwirkungen.
  • Verwendbare Wirkstoffe: Azathioprin, Methotrexat.

Biologische Therapie

  • Ein relativ neues Therapieverfahren, bei dem spezielle Proteine in den Körper eingebracht werden, die gezielt und spezifisch gegen bestimmte Vermittler des Entzündungsprozesses wirken.
  • Eine wirksame, moderne Therapie, die jedoch ebenfalls zahlreiche Nebenwirkungen haben kann.

Antibiotika

  • In bestimmten Fällen sind sie als ergänzende Therapie erforderlich, besonders bei Komplikationen, z. B. Abszess, nässende Fistel, Einrisse rund um den Enddarm usw.

Weitere symptomatische Medikamente

  • Gelegentlich können als symptomatische Therapie Schmerzmittel und krampflösende Mittel erforderlich sein.
  • Bei dominierenden Durchfallsymptomen kann auch die Einnahme von Antidiarrhoika notwendig sein.

Chirurgisches Verfahren

  • Bei Colitis ulcerosa kann eine Dickdarmentfernung, Kolektomie, sogar eine dauerhafte Lösung der Erkrankung bedeuten, da das Zielorgan entfernt wird. Allerdings kann die chirurgische Lösung zahlreiche Folgen haben.
  • Bei Morbus Crohn kann die Entfernung des betroffenen Darmabschnitts erfolgen, was jedoch nur eine vorübergehende Lösung darstellt und keine dauerhafte Heilung bewirkt. Nach Studiendaten unterziehen sich mehr als zwei Drittel der Crohn-Patienten mindestens einmal einem chirurgischen Eingriff.
  • Bei jedem Eingriff am Darm — besonders, wenn er an einem entzündeten Abschnitt erfolgt — muss damit gerechnet werden, dass beim Patienten ein Stoma angelegt werden kann.
    Stoma: Ausleitung eines Darmabschnitts, der Dünndarm oder Dickdarm sein kann, an die Bauchwand; eine chirurgisch geschaffene „Darmöffnung“, durch die der Stuhl in einen austauschbaren Beutel abgeleitet werden kann.
  • Wenn der Patient mehrere Operationen mit Entfernung von Dünndarmabschnitten durchläuft, bei Morbus Crohn, besteht die Gefahr der Entwicklung eines Kurzdarmsyndroms, das schwere Nährstoff-Malabsorption und Durchfall verursachen kann. Infolgedessen müssen häufig für kürzere oder längere Zeit künstliche Ernährungsverfahren eingesetzt werden.

Diät bei entzündlichen Darmerkrankungen

  • Allgemein kann man sagen, dass es keine spezielle IBD-Diät gibt.
  • Eine ausgewogene Ernährung, eine mediterrane Ernährung, kann empfohlen werden, wobei reizende, übermäßig gewürzte und scharfe Speisen vermieden werden sollten.
  • Wenn eine Lebensmittelintoleranz mit den Symptomen verbunden ist, sollte eine entsprechende Diät eingehalten werden. Bei Morbus Crohn ist beispielsweise Laktoseintoleranz häufiger; in diesem Fall sollte eine laktosefreie Ernährung befolgt werden.
  • Bei bestehender Darmverengung wird empfohlen, kleinere Mengen auf einmal zu essen, in dünnflüssigerer Konsistenz.
  • Eine Kalorienzufuhr, die zur Erhaltung oder Erreichung eines normalen BMI erforderlich ist, wird empfohlen.
  • Es ist vorteilhaft, wenn der Patient nach der Diagnose die Möglichkeit hat, einen Ernährungsberater zu konsultieren und einen personalisierten Ernährungsplan zu erstellen.

Im Idealfall unterstützt ein fachliches Team gemeinsam die Betreuung des Patienten. Dazu können neben dem Gastroenterologen auch Chirurg, Radiologe, Ernährungsberater und Psychologe gehören.

Prognose entzündlicher Darmerkrankungen – Mit welcher Prognose kann ein IBD-Patient rechnen?

IBD ist eine chronische Erkrankung, die meist mit abwechselnden Schüben und ruhenden, nahezu symptomfreien Phasen einhergeht. Ein dauerhaft bestehendes, progressives klinisches Erscheinungsbild ist selten. Die Prognose hängt stark von der Schwere und Ausdehnung der Entzündung, der Anzahl und Dauer der Schübe, eventuell auftretenden Komplikationen sowie auch von der Mitarbeit des Patienten ab.

Heute hat sich die Therapie von IBD außerordentlich stark weiterentwickelt, sodass die Sterblichkeitsrate infolge der Grunderkrankung glücklicherweise gesunken ist.

Regelmäßige gastroenterologische Untersuchungen sind für IBD-Patienten unverzichtbar, denn durch engmaschige Kontrolle und die Auswahl einer geeigneten Therapie kann die Lebensqualität der Patienten verbessert und die Wahrscheinlichkeit schwererer Komplikationen verringert werden. Vertrauen und eine angemessene Kommunikation zwischen Arzt und Patient sind wichtig.

Es ist wichtig zu wissen und zu akzeptieren, dass die Diagnose das Leben von IBD-Patienten verändert. Daher sind ein unterstützendes Umfeld und Akzeptanz für sie sehr wichtig; darüber sollte auch mit nahen Angehörigen gesprochen werden.

Quellen:

https://www.cdc.gov/ibd/data-statistics.htm
https://www.uptodate.com/contents/definitions-epidemiology-and-risk-factors-for-inflammatory-bowel-disease-in-adults?search=ibd&source=search_result&selectedTitle=3~150&usage_type=default&display_rank=3
https://www.uptodate.com/contents/clinical-manifestations-diagnosis-and-prognosis-of-ulcerative-colitis-in-adults?search=ibd&source=search_result&selectedTitle=1~150&usage_type=default&display_rank=1
https://www.uptodate.com/contents/clinical-manifestations-diagnosis-and-prognosis-of-crohn-disease-in-adults?search=ibd&source=search_result&selectedTitle=6~150&usage_type=default&display_rank=6
https://www.mayoclinic.org/diseases-conditions/inflammatory-bowel-disease/diagnosis-treatment/drc-20353320

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